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Chinesen in Europa – Europäer in China:
Journalisten, Spione, Studenten

   

Thomas Kampen

 
   

Reihe Gelbe Erde 8
OSTASIEN Verlag
Paperback (14,00 x 20,50 cm), 105 Seiten.
2010. € 16,80
ISBN: 978-3-940527-49-3 (9783940527493)
ISBN-10: 3-940527-49-1 (3940527491)

Vertrieb: CHINA Buchservice / Bestellen (order)

 
   

Durch die beiden Weltkriege und verschiedene Bürgerkriege kam es im 20. Jahrhundert zu vielen ungewöhnlichen und unvorhersehbaren Reisen und Fluchtbewegungen in verschiedene Kontinente. Viele Chinesinnen und Chinesen kamen damals nach Europa, um hier zu studieren oder zu arbeiten. Umgekehrt gingen zahlreiche Europäerinnen und Europäer nach China, sei es, um das Land zu bereisen, sei es, um dort längere Zeit zu leben. Darunter waren Menschen aus zahlreichen Berufsgruppen, wie Ärzte, Diplomaten, Geschäftsleute, Journalisten, Militärberater, Schriftsteller, Spione, Übersetzer und Wissenschaftler, unter ihnen auch viele Frauen, die dort zum Teil erstmals in ihnen zuvor verschlossenen Arbeitsbereichen – wie dem Journalismus – aktiv sein konnten.

Zu diesen Personen gehörten auf westlicher Seite Otto Braun, Fritz Jensen, Egon Erwin und Friedrich Kisch, Jaroslav Prusek, Richard Sorge, Agnes Smedley, Anna Wang und Ruth Werner. Auf chinesischer Seite zählten dazu Cheng Qiying, Hu Lanqi, Ruan Lingyu, Song Qingling, Wang Fanxi, Xie Weijin, Zhang Pengchun, Zheng Chaolin, Zhou Enlai und Zhu De. Von all diesen Personen berichtet dieses Buch.

 
   

Inhalt:

Vorwort

1 Eine europäische Schriftstellerin in der chinesischen Hauptstadt

2 Mitteleuropäische Revolutionäre im Reich der Mitte

3 Chinesen in Berlin

4 Europaaufenthalte chinesischer Trotzkisten

5 Der Brüsseler Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus (Februar 1927)

6 Prominente Chinesinnen in Deutschland

7 Der Journalist Egon Erwin Kisch in Ostasien

8 Der Sinologe Jaroslav Průšek im Fernen Osten

9 Otto Braun in China

10 Anna Wang und der Zahnarzt Herbert Wunsch

11 Xie Weijin in Europa

12 Von Spanien nach China

13 Zhang Pengchun und die Menschenrechte

Glossar

Abkürzungen

Bibliographie

 
   
   

 
   

Rezension (in: das neue China: Zeitschrift für China und Ostasien 1/2011, Seite 40)

Historische Spurensuche

Verglichen mit der großen Zahl von Menschen aus verschiedenen Ländern, die im Zuge der Politik der "Vier Modernisierungen" und der Öffnung des Landes nach China gezogen sind oder den vielen Chinesen, die seither ihre Heimat Richtung Westen verlassen haben, nehmen sich derartige Migrationsbewegungen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts eher bescheiden aus. Es waren im Allgemeinen keine wirtschaftlichen Anreize, sondern vor allem soziales oder politisches Engagement, das den Wechsel der Kontinente bedingte.

Im Untertitel des Bandes nennt der in Heidelberg tätige Sinologe Thomas Kampen allen voran Journalisten, Spione und Studenten – und auch deren Geschlechtsgenossinnen! –, die sich auf den weiten Weg in den Fernen Osten machten. Im Vorwort wird der Personenkreis dann auf unterschiedliche Berufsgruppen erweitert: Ärzte, Diplomaten, Geschäftsleute, Militärberater, Schriftsteller, Übersetzer und Wissenschaftler. Nachdem auch Frauen zum ersten Mal in neuen Arbeitsbereichen arbeiten konnten, z. B. im Journalismus, sind ihnen von den insgesamt 13 Kapiteln zwei gewidmet (u. a. Ruth Werner und Anna Wang sowie der polnisch-französischen Schriftstellerin Rosenthal).

In die Reihe berühmter Europäer, wie der tschechische Journalist Egon Erwin Kisch, der Prager Sinologe Jaruslav Prusek, der Agent Richard Sorge oder der Kommunist Otto Braun, reiht der Autor auch die Amerikaner Edgar Snow und Agnes Smedley ein. Auch für mehrere Ärzte, die nach dem spanischen Bürgerkrieg am antijapanischen Kampf in China teilnahmen, unter ihnen der wohl bekannteste Arzt, der Kanadier Norman Bethune, wurde China zur neuen Heimat.

Aus der Gegenrichtung, vom Osten nach Westen, kamen recht prominente Vertreter, wie Song Qingling, die spätere Frau von Sun Yatsen, aber auch berühmte Politiker wie Zhou Enlei, Zhu De oder der KP-Funktionär Xie Weijin. Sie verbrachten einige Jahre des Studiums oder im politischen Untergrund in Europa, um danach wieder in ihr Heimatland zurückzukehren.

Teilweise sind die Motivationen für den großen geografischen Wechsel recht kurz gehalten, so dass Fragen offen bleiben oder Unklarheiten entstehen. Auch die Anordnung der einzelnen Kapitel verwirrt streckenweise. In seinem Vorwort rechtfertigt der Autor dies mit dem Ineinandergreifen der Biografien: "Die Schriftstellerin im ersten Kapitel hat einige Personen getroffen, die in den späteren Kapiteln behandelt werden".

Als Verfasser von Artikeln und Aufsätzen, als Autoren von Büchern haben die meisten der vorgestellten Persönlichkeiten nicht nur sich selbst einen Namen gemacht. Bis heute sind ihre Erfahrungen noch wichtige Quellen der neueren Geschichte des letzten Jahrhunderts. Insofern bildet der Band eine Grundlage für weitere Forschungen über Personenkreise, die diesen Pionieren folgten, z. B. die vielen Flüchtlinge, die in der Zeit des Faschismus in China Zuflucht suchten.

Zum Schluss seiner Ausführungen erwähnt Thomas Kampen die Kinder, die aus gemischten Ehen hervorgegangen sind. Deren kulturelle Entwicklung bedürfte einer wissenschaftlichen Untersuchung, ebenso wie die großen wirtschaftlichen Migrationsbewegungen unserer heutigen globalisierten Zeit. Sie gehören zu einem scheinbar unaufhaltsamen Prozess der permanenten und tiefgreifenden Veränderungen, der vor ungefähr einem Jahrhundert seinen Anfang nahm.

Anna Gerstlacher, Berlin